Offener Brief zu Lieferengpässen

Da Lieferengpässe in Deutschland nicht nur bei Epilepsie-Medikamenten ein immer größeres Problem werden (vgl. dazu unsere Berichterstattung in einfälle Nr. 151, III. Quartal 2019) hat sich der Vorstand der Deutschen Epilepsievereinigung e.V. am 25. August 2019 mit einem offenen Brief an Unternehmen und Verbände der pharmazeutischen Industrie gewandt mit der Forderung, dass diese hier endlich Abhilfe schaffen sollen. Der Brief war adressiert an die folgenden Firmen und Verbände: Desitin, Eisai, Heumann, Hexal, Neuraxpharm, Ratiopharm, Sandoz (Novartis), Stada, Verband der forschenden Arzneimittelhersteller, pro Generika e.V., Bundesverband der Arzneimittelhersteller; nachrichtlich an: Bundesministerium für Gesundheit, Patientenbeauftragte der Bundesregierung, GKV-Spitzenverband, BAG Selbsthilfe, Deutsche Gesellschaft für Epileptologie sowie an die überregionalen Pressekontakte der Deutschen Epilepsievereinigung e.V. Über die Reaktionen auf den offenen Brief haben wir ausführlich in einfälle 152, IV. Quartal 2019, berichtet. Es folgt der Brief im Wortlaut:

Sehr geehrte Damen und Herren,

fast täglich erreichen uns über unsere Bundesgeschäftsstelle in Berlin, über unsere Facebook-Gruppen, über unser Beratungstelefon, über unsere Landesverbände etc. verzweifelte Anrufe von Menschen mit Epilepsie oder von Eltern anfallskranker Kinder. Sie bekommen die ihnen verordneten Medikamente in der Apotheke nicht, weil es wieder einmal zu Lieferengpässen gekommen ist und es keine Auskunft darüber gibt, wann das besagte Medikament wieder lieferbar sein wird. Aussagen wie „wir bemühen uns um eine schnelle Behebung des Lieferengpasses“, „das Medikament wird in etwa zwei Monaten wieder lieferbar sein“ oder „sprechen Sie mit Ihrem Arzt, ob er Ihnen/Ihrem Kind ein anderes Medikament verordnen kann“ sind wenig hilfreich und werden von den Betreffenden oft als zynisch wahrgenommen.

Dabei sind Menschen mit Epilepsie dringend auf die regelmäßige Versorgung mit Medikamenten angewiesen – und zwar nicht mit irgendwelchen Medikamenten gegen Epilepsie, sondern mit den Wirkstoffen und Präparaten, die ihnen ihre behandelnden Ärzte nach intensiver Diagnostik und genauer Abwägung der Wirksamkeit und Beachtung des möglichen Nebenwirkungsprofils verordnet haben. Bekommen Sie diese Medikamente nicht, kann das dazu führen, dass sie wieder vermehrt epileptische Anfälle bekommen – bis hin zum Status epilepticus. Dieser kann für die Betreffenden durchaus lebensbedrohlich werden.

Begründungen für Lieferengpässe gibt es viele. Dabei fällt auf, dass immer die anderen Schuld sind: Die Industrie schiebt die Schuld wahlweise auf die Großhändler oder auf die politischen Rahmenbedingungen, die Politik auf die Industrie, die Krankenkassen die Schuld auf die Politik und die Industrie etc. – und keiner ist offenbar in der Lage, die Lieferengpässe zu beheben.

Aber wer, wenn nicht Sie als die Firmen bzw. Verbände, die für die Herstellung und den Vertrieb von Medikamenten zuständig sind, kann an der Situation wirklich etwas ändern? Sie verkaufen schließlich nicht irgendwelche Luxusgüter, sondern für Menschen teilweise lebenswichtige Medikamente – und damit haben Sie auch die soziale Verantwortung, diese Versorgung sicherzustellen.

Wir fordern Sie daher nachdrücklich auf, dieser Verantwortung wieder gerecht zu werden und dafür zu sorgen, dass das Problem der Lieferengpässe langfristig behoben wird. Menschen mit Epilepsie und auch Menschen mit anderen chronischen Krankheiten müssen wieder problemlos die Medikamente bekommen, die sie so dringend benötigen.

Mit der Bitte um Stellungnahme und freundlichen Grüßen,

gez. Stefan Conrad (Vorsitzender)