Einfälle Nr. 160 | 4. Quartal 2021

Liebe Leserinnen und Leser – liebe Freunde und Förderer,

Epilepsie in der Bildung – was für ein Thema! Das Ziel des großen Reformpädagogen Pestalozzi war es, mit einer ganzheitlichen Volksbildung ein sicheres Fundament dafür zu legen, dass die Menschen selbstständig und im Zusammenwirken mit anderen Menschen ihr Miteinander gestalten. Bildung war und ist demnach weitaus mehr als die Vermittlung von Wissen. Die Fähigkeit, das erlernte Wissen anzuwenden, ist mindestens genauso wichtig, wenn nicht gar noch wichtiger. Das wird leider allzu oft vergessen. Und nicht nur das: Die Vermittlung von Wissen ist zwar unabdingbare Voraussetzung dafür, dass es eingesetzt wird – aber zu viel Wissen kann auch die Lösungsfindung behindern und zu Denkblockaden führen, wie der bekannte Neurobiologe Martin Korte anhand vieler Beispiele eindrucksvoll gezeigt hat.

Dennoch beschränken wir uns in diesem Heft auf die Vermittlung von Wissen durch Bildung und grenzen das Thema noch weiter ein. Wir möchten anhand von zugegebenermaßen nicht repräsentativen Eindrücken aufzeigen, dass die Vermittlung von Wissen über Epilepsie sowohl an Schülerinnen und Schüler als auch im Rahmen der Ausbildung von im weitesten Sinne (sozial-)pädgogischen Berufsgruppen immer noch defizitär ist und hier erheblicher Nachholbedarf besteht. Aber auch wenn wir das verbessern können – wofür durchaus einiges spricht – sollten wir uns davor hüten, zu denken, dass mehr Wissen über Epilepsie automatisch zu einem vorurteilsfreieren Umgang mit Menschen mit Epilepsie führt und dieser alle Probleme, die eine Epilepsie neben den Anfällen sonst noch mit sich bringt, löst. So einfach ist es leider nicht.

Leider wird die Vermittlung von Wissen – in diesem Falle verstanden als Faktenwissen – in unserer heutigen Gesellschaft auch nicht gerade einfacher. Obwohl inzwischen hinlänglich belegt ist, welche Gefahren von dem Corona-Virus ausgehen und dass an ihm allein in Deutschland bisher mehr als 100.000 Menschen gestorben sind; obwohl hinlänglich bekannt ist, dass die Krankenhäuser ihre Belastungsgrenze erreicht haben und eine Impfung das sicherste Mittel ist, die Pandemie einzudämmen – obwohl das alles hinlänglich bekannt ist, werden diese Fakten von einigen Menschen einfach ignoriert mit der Folge, dass die Infektionszahlen so hoch sind wie nie zuvor. Auch die politischen Entscheidungsträger haben durch ihr teilweise inkonsequentes Handeln zu dieser Entwicklung beigetragen – obwohl sie es besser hätten wissen können. Deshalb haben sich viele Wissenschaftler in einem Brandbrief an diese gewandt, den wir im vorliegenden Heft ungekürzt abdrucken.

Aber Vorsicht: Das politische Fehler gemacht worden sind bedeutet nicht, dass deshalb unser politisches System als Ganzes versagt hat. Im Gegenteil: Die Infektionszahlen sind in den Bundesländern am höchsten, in denen die Partei, die Deutschland wieder „normal“ machen möchte, den höchsten Zuspruch erhalten hat. Prüfen Sie, liebe Leserinnen und Leser, also die Fakten. Lassen Sie sich impfen, wenn Sie es noch nicht getan haben. Und vertrauen Sie nicht denjenigen, die ihr angebliches Wissen aus obskuren Quellen beziehen und den russischen Propagandasender RT für eine zuverlässige Quelle halten.

Was die Pandemie betrifft, haben wir uns als Deutsche Epilepsievereinigung bisher ganz gut geschlagen, wie unsere vielfältigen Aktivitäten belegen, über die wir in diesem Heft berichten. Wer hätte vor zwei Jahren gedacht, dass wir heute die digitalen Kommunikationsmöglichkeiten so gut beherrschen. Viele haben gelernt, wie sich analoge und digitale Kommunikation sinnvoll ergänzen. Das machen z.B. die Berichte im vorliegenden Heft zur Epilepsie-Online-Konferenz, zu unseren Zoom-Vortragsabenden und zur hybriden Zentralveranstaltung zum Tag der Epilepsie deutlich. Auch die Junge DE ist ein gutes Beispiel dafür, was digital möglich ist und dass auf diesem Weg sogar Filmprojekte erfolgreich durchgeführt werden können.

Über das alles und noch viel mehr berichten wir im vorliegenden Heft, das Sie/Ihr hoffentlich noch vor dem Weihnachtsfest erhaltet. Wir hoffen, dass möglichst viele von Ihnen/Euch das Weihnachtsfest in Kreise ihrer Lieben verbringen können. Aber auch wenn das nicht möglich ist und weitere Einschränkungen auf uns zukommen: Wenn wir dadurch die Pandemie in den Griff bekommen, ist es das allemal wert.

Noch ein letztes. Da Böllern zu Sylvester in diesem Jahr wieder nicht möglich ist: Spenden Sie/spendet doch das Geld, was Sie/Ihr nicht für Böller ausgeben könnt, sozialen Projekten. Das wäre doch mal was: Mehr als 100 Millionen für soziale Projekte!

In diesem Sinne grüßt Euch/Sie herzlich

Euer/Ihr

Norbert van Kampen

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