Einfälle Nr. 167 | 3. Quartal 2023

Liebe Leserinnen und Leser – liebe Freunde und Förderer,

als sich die Arbeitsgemeinschaft der Epilepsie-Selbsthilfeverbände Deutschlands im vergangenen Jahr auf das diesjährige Motto des Tages der Epilepsie geeinigt hat, war allen wahrscheinlich nicht klar, wie brandaktuell das Thema ist. Dessen derzeitige Aktualität entspricht jedoch so gar nicht dem, was damals beabsichtigt war. Mit dem Motto „Wir schreiben Geschichte“ wollten wir deutlich machen, dass sich im Umgang mit Menschen mit Epilepsie – trotz aller Probleme, die es heute noch gibt – vieles zum Positiven geändert hat. Und nicht nur das: Menschen mit Epilepsie waren und sind immer auch an diesen Veränderungsprozessen beteiligt, sei es in der Politik, in Kunst und Wissenschaft, im Sport und in vielen anderen Bereichen. Auch die Epilepsie-Selbsthilfe hat viel dazu beigetragen. Wir wollten deutlich machen, dass historische Entwicklungen nichts Abstraktes sind. Ganz im Gegenteil: Wir alle schreiben Geschichte und wir alle gestalten Geschichte – sei es nun zum Positiven oder Negativen.

Leider scheint derzeit letzteres der Fall zu sein. Wenn ich mir aktuelle politischen Debatten anschaue, wenn ich mir anschaue, was in den sozialen Medien so alles gepostet wird und für welche Ziele Menschen in Deutschland auf die Straße gehen, wird mir ganz übel und manchmal schäme ich mich für die Dummheit meiner Mitmenschen. Es kann doch nicht wahr sein, das heute, 85 Jahre nach der Reichsprogromnacht, in der sich der Hass gegen Menschen mit jüdischem Glauben voll entfalten konnte, wieder Brandanschläge auf Synagogen verübt werden, jüdische Einrichtungen mit dem Davidstern beschmiert werden, gegen Menschen mit jüdischem Glauben gehetzt wird. Es kann und darf nicht sein, dass Menschen mit jüdischem Glauben in Deutschland wieder Angst haben müssen, sich offen zu ihrem Glauben zu bekennen, damit sie nicht bedroht werden oder Schlimmeres mit ihnen geschi

Glücklicherweise gibt es auch die andere Seite. Viele Menschen aus allen gesellschaftlichen Bereichen erklären sich mit Menschen mit jüdischem Glauben solidarisch, viele erteilen dem Antisemitismus eine klare Absage. Aber greift das nicht zu kurz? Zunächst fällt auf, dass immer von „den Juden“ gesprochen wird, die es aber gar nicht gibt; genauso wenig, wie es „die Epileptiker“ oder „die Christen“ gibt. Ihr Glaube ist nur ein sehr kleiner Teil ihrer Persönlichkeit, auf den sie keinesfalls reduziert werden sollten. Die Community von Menschen mit jüdischem Glauben ist so bunt und vielfältig wie andere Communities auch. Auch sollten wir bedenken, was Margot Friedländer, eine der letzten heute noch lebenden Holocaust-Überlebenden, in ihrer Rede am 09. November 2023 im Deutschen Bundestag gesagt hat: „Wir sind alle Menschen, wir haben alle das gleiche Blut.“

Zudem wird der Antisemitismus in Deutschland unzulässigerweise mit dem Thema Migration vermischt. Politiker aller Parteien – und wirklich aller im Bundestag vertretenen Parteien – scheinen sich darin einig zu sein, dass Migranten mit antisemitischen Einstellungen in Deutschland kein Bleiberecht haben und unser Land verlassen müssen. Aber warum nur die? Was ist mit den vielen Bio-Deutschen, die – offen oder verdeckt – antisemitische Haltungen vertreten? Sollten die nicht auch gehen? Offenbar ist Antisemitismus in Deutschland immer noch stark verwurzelt. Dem müssen wir uns stellen und es nicht anderen „in die Schuhe schieben“.

Was ist eigentlich ein Migrant? Auch jemand mit dunkler Hautfarbe, dessen Ur-Ur-Großvater in Afrika oder Asien geboren wurde und hier vor Ewigkeiten eingewandert ist? Wie absurd der Begriff „Migrationshintergrund“ ist, verdeutlicht Nikole Hannah-Jones in ihrem mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichneten Buch „1619“. Sie schreibt, dass in den 1950er Jahren in den USA dunkelhäutige Schülerinnen und Schüler in den ersten Jahrgangsstufen auf einem Globus zeigen sollten, aus welchem Land sie kommen. Sie haben dann meistens wahl- und ratlos auf irgendein Land in Afrika gezeigt; ihre Familien lebten schon seit mehreren hundert Jahren in den USA.

Und wie geschichtsvergessen kann jemand sein, der eine Partei wählt, dessen Landesvorsitzender in Thüringen – und nicht nur dieser – sich offen zu nationalsozialistischen und rassistischen Positionen bekennt und unsere Demokratie abschaffen und durch ein anderes System ersetzen will (welches eigentlich genau?).

Es gibt also Grund genug, sich in diesen Tagen mit der älteren und gerade auch der jüngeren (deutschen) Geschichte zu beschäftigen, damit wir die fatalen Fehler der Vergangenheit nicht wiederholen.  

Ich wünsche allen ein Weihnachtsfest, bei dem wir uns auf unsere gemeinsamen Werte und darauf besinnen sollten, was unsere Gesellschaft zusammenhält.

In diesem Sinne,

Euer/Ihr

Norbert van Kampen

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