Einfälle Nr. 162 | 2. Quartal 2022

Liebe Leserinnen und Leser – liebe Freunde und Förderer,

Epilepsien sind gut behandelbare Erkrankungen, bei denen mit Hilfe von Medikamenten etwa 60% der daran erkrankten Menschen anfallsfrei werden können – wenn das Medikament richtig ausgewählt und richtig dosiert ist. Helfen Tabletten nicht, stehen weitere Therapiemöglichkeiten zur Verfügung. Epilepsien sind also gar nicht so schlimm – oder?

Leider sieht die Realität vieler Menschen mit Epilepsie – einmal abgesehen von den sozialmedizinischen Folgen – anders aus. Auch wenn sich die soeben gemachte Aussage gut belegen lässt, blendet sie einiges aus: Gilt das mit der 60prozentigen Anfallsfreiheit für alle Epilepsieformen? Vertragen alle, die anfallsfrei sind, ihre Medikamente gut und haben keine Nebenwirkungen? Wie gut kann eine Therapie sein, die nur die Symptome (die epileptischen Anfälle) unterdrückt, nicht aber die Krankheitsursache behandelt? Wie gut sind die Chancen der nicht-anfallsfreien Menschen, es doch noch einmal zu werden?

Die hier angesprochenen Fragen sind grundsätzlicher Natur und es stellt sich die Frage, wie mit statistischen Angaben und den Ergebnissen wissenschaftlicher Studien umzugehen ist – ohne deren Notwendigkeit in Frage zu stellen, denn durch sie können wir neue Erkenntnisse gewinnen und ein klares Bild von der uns umgebenden Wirklichkeit bekommen. Allerdings sind Studienergebnisse immer abhängig von der gewählten Methodik (das ist anders gar nicht möglich) und dem dahinterstehenden Erkenntnisinteresse. Wenn z.B. eine Firma in die Entwicklung eines Medikaments investiert hat, ist sie geneigt, ihre Studien so zu interpretieren, dass diese dessen Wirksamkeit nachweisen. Das gilt generell für alle Studien. Deshalb ist es so wichtig, sich die Studien und deren Methodik genau anzuschauen sowie darüber nachzudenken, welches Interesse die Autoren damit gegebenenfalls verfolgen.

Zudem ist es generell nicht möglich, von allgemeinen Studienergebnissen auf konkrete einzelne Menschen zu schließen (ökologischer Fehlschluss): Wenn sich z.B. die Wirksamkeit eines Medikaments in einer Studie nicht nachweisen lässt, kann es bei einer konkreten Person durchaus wirksam sein (und umgekehrt). Ebenfalls sollte bedacht werden, dass das Ergebnis einer einzigen Studie im Grunde wenig aussagekräftig ist. Erst, wenn voneinander unabhängige Studien zu übereinstimmenden Ergebnissen kommen, kann von wirklichem Erkenntnisgewinn gesprochen werden.

Und ein letztes: Selbst bei einem eindeutigen statistischen Zusammenhang kommt es immer auf die Interpretation der Daten an. Es ist z.B. offensichtlicher Unsinn, dass die globale Erwärmung auf den Rückgang der Zahl der Piraten zurückzuführen ist – statistisch jedoch ist der Zusammenhang eindeutig.

Das ist alles nicht neu, wird aber zusehends ausgeblendet. Wenn sich in öffentlich geführten Diskussionen auf Ergebnisse von Studien und Zahlen aus amtlichen Statistiken bezogen wird, werden oft nur die Daten herangezogen, die den Diskutanten in ihre vorgefasste Meinung passen – und nicht selten werden die Daten falsch interpretiert. Kaum jemand schaut sich die zitierten Studien genauer an oder vergleicht sie mit Studien, die zu anderen Ergebnissen kommen. Kaum jemand fragt sich, wie die in den Statistiken genannten Zahlen erhoben werden und wie sie in Abhängigkeit davon interpretiert werden können. Derartige Diskussionen sind weder wissenschaftlich noch faktenorientiert und damit eigentlich überflüssig.

Zudem werden häufig Meinungen und Fakten auf unzulässige Art und Weise miteinander verknüpft (nicht alles, was ein Professor meint, ist wissenschaftlich belegt). Wer auf diese Zusammenhänge hinweist, dem wird oft unterstellt, er/sie sei gegen die Meinungsfreiheit, toleriere abweichende „Meinungen“ nicht (wir leben nun mal definitiv nicht in einer Diktatur) und sei u.a. vom „Staatsfunk“ indoktriniert.

Diese Entwicklung ist gefährlich, da sie die Gesellschaft immer weiter polarisiert und radikalisiert. Wir brauchen genau das Gegenteil: Einander zuhören, die Argumente anderer zulassen, sich die Fakten anschauen und gemeinsam nach Lösungen suchen. Dazu gehört allerdings auch, die eigene Position kritisch zu hinterfragen und sich eigene Fehler einzugestehen.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen/Euch eine spannende, erkenntnisreiche und kritische Lektüre der Beiträge in diesem Heft!

Es grüßt Euch/Sie herzlich

Euer/Ihr

Norbert van Kampen

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