Einfälle Nr. 178 | 2. Quartal 2026

Liebe Leserinnen und Leser,

an dem Wochenende, an dem ich diese Zeilen schreibe, findet in Baunatal die Arbeitstagung der DE zum Thema „Leben mit Epilepsie – ganz normal?!“ statt. Damit soll offenbar zum Ausdruck gebracht werden, dass Menschen mit Epilepsie „ganz normal“ sind und auch so behandelt werden wollen. Was aber bedeutet das? Was ist mit dem Begriff, „ganz normal“ genau gemeint? Wir halten diese Frage – auch vor dem Hintergrund der derzeitigen politischen Entwicklung in unserem Lande – für so wichtig, dass wir uns im Schwerpunkt dieses Heftes näher mit dem Begriff der „Normalität“ beschäftigen.

Wenn ich bei Google – nicht ohne Hintergedanken – die Stichworte „Deutschland ganz normal“ eingebe, sagt mir die KI als erstes: „‘Deutschland ganz normal‘ bedeutet heute vor allem eines: Veränderung ist die neue Normalität“. Alle werden sicherlich folgender Aussage zustimmen: Wir leben in einer Zeit, in der sich vieles verändert. Nehmen wir als unstrittiges Beispiel den technologische Fortschritt. Wer in den 1980er Jahren wissen wollte, was ein „Lachender Hans“ ist (eine in Australien lebende Art aus der Familie der Eisvögel), musste in eine Bibliothek gehen und danach suchen – heute genügt ein Blick ins Internet mit dem Smartphone. Mit ihm ist zudem jeder Mensch zu fast jeder Zeit erreichbar, wodurch sich unsere Kommunikation tiefgreifend verändert hat. Noch in den 1990er Jahren waren die Weihnachtseinkäufe (zumindest bei mir) mit unendlich langen Shopping-Touren verbunden, heute finde ich alles im Internet und kann es mir bequem nach Hause liefern lassen – um nur einige Beispiele zu nennen.

Was für „Das Große“ gilt, gilt und galt aber immer auch schon für „Das Kleine“. Wenn jemand an einer Epilepsie erkrankt, bedeutet das vor allem eins: Veränderung. Durch die zunächst fehlende Fahreignung ist die Mobilität eingeschränkt, vielleicht können der Beruf oder bestimmte Tätigkeiten nicht mehr ausgeübt werden, vielleicht sind geliebte Freizeitaktivitäten (zum Beispiel das Tauchen) nicht mehr möglich, vielleicht werden die Betreffenden gemieden und ausgegrenzt. Ob wir das wollen oder nicht: Wir müssen uns an diese Veränderungen anpassen, wenn wir auch weiterhin ein glückliches und zufriedenstellendes Leben führen möchten – und das ist oft alles andere als einfach.

Wenn wir aber erst einmal akzeptiert haben, dass Veränderung zum Leben dazugehört, ist es nur noch ein kleiner Schritt zu der Einsicht, dass das Leben vielfältig ist und es viele verschiedene Lebensentwürfe gibt, von denen keiner besser oder schlechter ist als der andere. Es ist wie mit den Essgewohnheiten: Was für den einen ein Genuss ist (zum Beispiel der Genuss von Buttermilch oder Obatzter – eine Käsezubereitung aus Bayern), ist für den anderen (zum Beispiel für mich) ein Graus. Es kommt letztlich auf die Sichtweise (beziehungsweise auf den Geschmack) an.

Vor diesem Hintergrund bekommt der Begriff der Normalität eine neue Bedeutung. Normal ist es eben nicht, so wie die anderen zu sein. Vielmehr ist es normal, verschieden zu sein – wie schon der damalige Bundespräsident Richard von Weizsäcker vor mehr als 30 Jahren formuliert hat. Normal sollte es dann aber auch sein, in seiner Andersartigkeit akzeptiert zu werden: Auch mit einer Epilepsie, einer Störung der Intelligenzentwicklung, als Rollstuhlfahrer „für voll genommen“ zu werden, am gesellschaftlichen Leben teilhaben zu können und aufgrund seiner Andersartigkeit nicht eingeschränkt zu werden.

Leider wird der Begriff der Normalität oft aber ganz anders verwendet. Als die AfD 2021 mit dem Slogan „Deutschland. Aber normal“ in den Wahlkampf gezogen ist, hat sie genau dies nicht gemeint. Vielmehr wurde der Begriff verwendet, um alles, was nicht ins Weltbild der AfD passt, zu diskreditieren, auszugrenzen und zum Hass gegen alles „nicht-normale“ anzustacheln. Apropos AfD: Ihre Wahlerfolge sind besorgniserregend – auch vor dem Hintergrund, dass in diesem Jahr noch einige wichtige Landtagswahlen anstehen. Wer mit dieser Partei sympathisiert oder sie gar wählt, sollte sich kritisch mit dem auseinandersetzen, für was sie steht (vgl. dazu den Beitrag in diesem Heft).

Die Devise sollte lauten: Vielfalt statt Einfalt. Als einfältig würde ich in diesem Zusammenhang durchaus auch die Ansicht unseres Kulturstaatsministers Weimer (parteilos) bezeichnen, die Partei (gemeint ist die AfD) werde „zusammenfallen wie ein Soufflé“ wenn nur endlich der wirtschaftliche Aufschwung käme; oder wenn der ehemalige Bundesfinanzminister Steinbrück (SPD) anregt, mit der AfD zusammenzuarbeiten, wenn sich diese klar von „rechtsextremen Positionen und Figuren abgrenzt“. Und sehr schlau ist es sicherlich auch nicht, bestimmte Positionen der AfD unkritisch zu übernehmen und zu hoffen, dass sie dann von weniger Menschen gewählt wird.

In diesem Sinne,

Euer/Ihr

Norbert van Kampen

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