Einfälle Nr. 152 | 4. Quartal 2019

Liebe Leserinnen und Leser – liebe Freunde und Förderer,

grenzenlose Freiheit – ist das nicht der Traum von jedem? Das tun zu können, was man/frau möchte – ohne dass jemand einem Vorschriften macht. Wie sang Rio Reiser schon in den 1970er Jahren? „Ich hab‘ geträumt, der Winter wär‘ vorbei, Du warst hier, und wir warn‘ frei …“. Ist das nicht letztlich auch das Ziel der Epilepsie-Selbsthilfe? Freiheit, das zu tun, was man/frau möchte – ohne dass die Epilepsie dem im Wege steht, ohne aufgrund der Epilepsie benachteiligt zu werden? Mutet es vor diesem Hintergrund nicht merkwürdig an, plötzlich von Grenzsetzungen in der Selbsthilfe zu sprechen – und dann noch als Titelthema?

Ich denke nicht. Grenzen an sich sind weder gut noch schlecht. Im Gegenteil: Sie engen zwar den Raum der Möglichkeiten ein, aber vermitteln auch Sicherheit. Durch Grenzen und Regeln werden wir erst handlungsfähig – nur dadurch können wir uns aufeinander beziehen. Grenzen sind erst dann schlecht, wenn sie starr und unverrückbar werden und nicht zulassen, erweitert oder verschoben zu werden – etwa dann, wenn Menschen aufgrund ihre Geschlechts, ihres Gesundheitszustandes, ihrer Religion, ihrer Nationalität bestimmte Dinge nicht machen dürfen, von bestimmten Lebensbereichen ausgeschlossen werden.

Für uns als Selbsthilfevereinigung ist eine Diskussion um unsere Grenzen notwendiger denn je. Zum einen, um uns vor überhöhten Ansprüchen zu schützen, die andere oder wir selbst an uns stellen – etwa dann, wenn wir eine soziale oder medizinische Beratung machen wollen oder sollen, ohne dafür qualifiziert zu sein. Zum anderen um den Bereich abzustecken, in dem wir – und nur wir – tätig sein können; etwa, wenn es um den Erfahrungsaustausch oder um die Vertretung unserer Interessen geht.

Die Beschäftigung mit Grenzen scheint mir per se immer wichtiger zu werden. Ich bin wahrlich kein Globalisierungskritiker; dennoch betrifft die zunehmende Globalisierung auch uns direkt – vor allem dann, wenn sie mit ungebremstem Streben nach Gewinnmaximierung einhergeht. Einige scheinen vergessen zu haben, was in Artikel 14 unsers Grundgesetzes steht: „Eigentum verpflichtet. Sein Gebrauch soll zugleich dem Wohle der Allgemeinheit dienen.“ Mal abgesehen von der Frage, wem multinationale Konzerne eigentlich gehören: Wie verträgt es sich mit unserem Grundgesetz, wenn Unternehmen der pharmazeutischen Industrie wesentliche Teile ihrer Produktion aus Kostengründen ins Ausland verlagern und es dadurch bei uns zu Lieferengpässen kommt? Oder wenn Investoren große Teile des Wohnungsmarktes an sich reißen und dadurch die Mieten immer unerschwinglicher werden? Oder wenn wir immer mehr Wohlstand wollen und damit unseren Planeten in rasanter Geschwindigkeit zu Grunde richten? Die Diskussion über Grenzen, über Begrenzungen, scheint mir notwendiger denn je zu sein.

Trotzdem, oder vielleicht gerade deshalb wünsche ich Ihnen/Euch ein besinnliches Weihnachten und einen guten Start in das neue Jahr 2020. Um mit Yoda zu sprechen: Möge die Macht, sinnvoll mit Grenzen umzugehen, mit uns sein – und mögen wir trotzdem unsere Träume nicht vergessen.

In diesem Sinne,

Ihr/Euer Norbert van Kampen